H a u s m i t t e i l u n g e n 


Der Stammbaum, das theoretische Handwerkszeug des Züchters 

 

Der Umgang des Züchters mit Stammbäumen setzt Grundkenntnisse über die Entwicklung der einzelnen Zuchtrichtungen voraus, die immer wieder durch enge Verpaarungen von Zuchttieren geprägt war, was dazu führte, dass bestimmte Merkmale wie Aussehen oder Leistung durch Inzucht gefestigt wurden. Leider wurden dadurch auch negative Faktoren wie Erbkrankheiten oder Wesensmängel angereichert. In der Zucht von „gestern“ liegen die Probleme von heute.

Ich habe mich in meinen Ausführungen auf die Zuchtlinien der letzten vier Jahrzehnte beschränkt, die hinter unseren gegenwärtigen Zuchttieren stehen. 

 

 

A: FORMZUCHT 

 

Europaweit geht die Formzucht des Irish Setters auf Hunde zurück, die in Großbritannien gezogen wurden. Bestimmt  wurde diese Zucht durch den Zwinger „Wendover“ (Mr. James), eine Linie, die anfangs über eine ausreichende genetische Vielfalt verfügte.

Die Auswahl der Zuchttiere wurde vorwiegend anhand äußerlicher Merkmale getroffen. Parallel dazu, ohne wesentliche Bezugspunkte zu Wendover, verlief die Zuchtlinie des Zwingers „Brackenfield and Hartsborne“ von Miss Lennox.

Aufgrund enger Verpaarungen wurde der Formwert der Hunde aus dem Zwinger Wendover immer imposanter, der Inzuchtkoeffizient stieg jedoch dementsprechend an. Ein typischer Stammbaum sah folgendermaßen aus:

 

Wendover Gentleman

Wendover Gary Of Acres

Watendlath Joao O'Pandy

Watendlath Double Top »

Victory Of Mearnesse »

Wendover Kelly

Wendover Beggar »

Wendover Lola »

Wendover Katie

Wendover Beggar

Beau Of Wendover »

Wendover Robina »

Wendover Lola

Watendlath Kevin O'Pandy »

Wendover Roberta »

Wendover Star

Wendover Vagabond

Wendover Beggar

Beau Of Wendover »

Wendover Robina »

Wendover Lola

Watendlath Kevin O'Pandy »

Wendover Roberta »

Wendover Dry Bracken

Rufus Of Kyrewood

Watermill Larry »

Cherie Of Kyrewood »

Wendover Linnet Of Kyrewood

Watendlath Kevin O'Pandy »

Wendover Roberta »

 

 Eine weitere „Championfabrik“ war der Zwinger „Cornevon“ von Miss Roberts. Die von ihr anfänglich gezüchteten Hunde waren eine interessante Mischung aus Wendover und Brackenfield, aufbauend auf ihre Zuchthündin Brackenfield Iris. Leider verlief die Zucht bald einseitig in Richtung Wendover mit erheblichen Anreicherungen einzelner Hunde. Brackenfield und Hartsborne hielten ebenfalls an ihrem Hundetyp (oldfashioned style) fest, was auch ihre Zuchtbasis deutlich einschränkte.

Es gab immer wieder „Springer“ zwischen beiden Zuchtlinien, z.B. die Zwinger Tagamago, Autumnglow, Canbargus oder Kylenoe etc. Leider haben sich viele dieser Zwinger in den letzten 20 Jahren von den Brackenfield-Linien abgewandt um den hohen Formwertansprüchen gerecht zu werden.

Ein interessanter Hund, der eine perfekte Aufmischung darstellt und auch dem Formwert gerecht wurde, war der Cruftswinner Starchelle Chicago Bear:

 

Clonageera Genesis

Sowerhill Sahib

Wendover Jeeves

Wendover Ballymoss »

Wendover Lupina »

Sowerhill Sarah

Stephenshill Gamebird »

Sowerhill Samantha »

Clonageera Megan

Jason Of Andana Of Clonageera

Margretwoods Caretaker Of Scotswood »

Tralee Of Andana »

Bella Rosa Of Andana

Wendover Gentleman »

Gay Serenade Of Andana »

Forever Amber By Starchelle

Mister Softee Of Barncliffe

Barncliffe Cavalier

Barnsforde Windward Of Simmerforde »

Helecam Highlight »

Lady Of Calderfield

Shanell Lerouge »

Brackenfield Amethyst »

Rodillian East

Simmerforde Aristocrat Of Bretcar

Barncliffe Baretta Of Simmerforde »

Bilbro Cher Of Simmerforde »

Bretcar Summer Sunlight

Mystars Game Revenge »

Mystars Game Lady Bountyful »

  

Basierend auf die Wendover-Linien mit einem verschwindend geringen Anteil von Brackenfield brachte der Zwinger „Kerryfair“als Ereignis in der Setterwelt den Rüden Kerryfair Night Fever, eine außergwöhnliche Erscheinung mit wenig erfreulichen Auswirkungen auf die Zucht. Dies nicht durch etwaige Mängel, die er vererbt haben könnte, sondern durch die Häufigkeit seiner Verwendung in der Zucht.

Doch dieser Rüde wurde noch durch seinen Sohn Danaway Debonair „überholt“.  

 

Auch hier ist die Anreicherung nicht abgeschlossen und findet in Debonairs Sohn Caspians Intrepid einen neuen Höhepunkt: 

 

Danaway Debonair

Kerryfair Night Fever

Sowerhill Sahib

Wendover Jeeves »

Sowerhill Sarah »

Cornevon Spring Melody

Wynjill Country Woodland »

Cornevon Tamarind »

Disco Dancer Of Danaway

Wendover Colas

Wendover Gentleman »

Wendover Scarlet Girl Of Kerrydene »

Westerhuy's Dutch Spirit

Cornevon Lovebird »

Cornevon Westerhuy's Cloggy »

Caspians Night Music

Kerryfair Night Fever

Sowerhill Sahib

Wendover Jeeves »

Sowerhill Sarah »

Cornevon Spring Melody

Wynjill Country Woodland »

Cornevon Tamarind »

Wendover Cassidy

Wendover Raffles

Kerryfair Night Fever »

Wendover Maid Marion »

Coppertop Wendy Of Wendover

Wendover Washington Of Caspians »

Caspians Snowdrop »

  

Der Versuch einen neuen Night Fever, Debonair oder Intrepid zu züchten geht noch weiter und führt zu Stammbäumen, die mittlerweile als typisch für die englische Zucht bezeichnet werden können: 

 

Caspians Intrepid

Danaway Debonair

Kerryfair Night Fever

Sowerhill Sahib »

Cornevon Spring Melody »

Disco Dancer Of Danaway

Wendover Colas »

Westerhuy's Dutch Spirit »

Caspians Night Music

Kerryfair Night Fever

Sowerhill Sahib »

Cornevon Spring Melody »

Wendover Cassidy

Wendover Raffles »

Coppertop Wendy Of Wendover »

Caspians Star Shadow

Night Shadow Of Wendover

Kerryfair Night Fever

Sowerhill Sahib »

Cornevon Spring Melody »

Wendover Cassidy

Wendover Raffles »

Coppertop Wendy Of Wendover »

Caspians Turtle Dove

Danaway Debonair

Kerryfair Night Fever »

Disco Dancer Of Danaway »

Wendover Cassidy

Wendover Raffles »

Coppertop Wendy Of Wendover »

  

Auch für den Anfänger ersichtlich ist die Häufung von Night Fever in der 3. und 4. Generation, neben der Tatsache, dass auch Wendover Cassidy 3mal als Urgroßmutter

vertreten ist, also schon in der 3. Generation keine neuen Hunde in diesem Stammbaum mehr auftreten. Bei soviel Unverstand kann der Genetiker nur den Kopf schütteln!

Einseitige Schuldzuweisungen  alleine in Richtung englische Zucht sind jedoch nicht gerechtfertigt. Der angeführte Beispielstammbaum ist austauschbar und durch Hunde aus Amerika, Australien, Niederlande, Ungarn, Schweden und leider auch aus Deutschland beliebig zu ersetzen. Bedauerlicher Weise bekommen wir als Züchter häufig nur einen Dreigenerationenstammbaum eines Zuchttieres.

Bei der Auswertung eines Stammbaums muss noch einmal deutlich darauf hingewiesen werden, dass gegen eine vernünftige Linienzucht nichts einzuwenden ist. Wenn einzelne Hunde zweimal im Stammbaum auftreten, können dadurch positive Merkmale durchaus gefestigt werden, ohne Auftreten einer Inzuchtdepression. Wichtig dabei ist das Verhältnis zwischen verwandten und fremden Anteilen zu beachten.

 Wenn ich mir heute den Stammbaum meines ersten B-Wurfes (1984, alte deutsche Leistungszucht) ansehe, hält sich bei 6x Moanruad Nimbus meine Begeisterung heute in Grenzen. Die Probleme ließen auch nicht lange auf sich warten, sie waren auch der Grund, weshalb ich mit dieser Linie nicht weiter gezüchtet habe. Meine damaligen Berater waren offensichtlich die falschen, die Auswirkungen der Inzuchtdepression, Rückgang der Fertilität, Zunahme von Erbmängeln, Verringerung der Vitalität und Leistungsfähigkeit etc., waren ihnen fremd.

Die Folge war, dass ich um weiter zu züchten auf eine neue Linie „umsteigen“ musste, was schmerzhaft war,  da gerade die jagdliche Komponente meiner damaligen Hunde mir imponierte.

Seit Jahrzehnten ist Aufmischung mein höchstes Zuchtprinzip. ( Mein Rüde Fire verfügt in seinem Stammbaum über alle großen Namen aus Form- und Leistungszucht.) 

 

B:  LEISTUNGSZUCHT

 

Die Anfänge der Leistungszucht im ISCD sind verständlicher Weise bei P&S zu suchen.

 Die deutsche Zucht wird in den 70er-Jahren durch zwei Importrüden, Moanruad Nimbus und Holmes Dart, dominiert. Aus einheimischer Zucht folgte der Rüde Bodo vom Usenborn (Grinzing vom Gebirgsjägerhof x Christel vom Lindenbaum). Grinzing stammt von Gilko von Oelken ab, dieser geht wiederum auf den berühmten Björn von Eisenhammer zurück. Bodo stand den beiden Importrüden auch leistungsmäßig in nichts nach..

 

Bei P&S wurde das Zusammenführen der Linien von Holmes Dart und Moanruad Nimbus richtig ausgereizt. Als Paradebeispiel ist Alf vom Almesbach zu nennen und dessen Sohn, Asko aus dem Köthenwald. Meine erste Zuchthündin, Bianka von Hangenham, mit zwei Mal Alf von Almesbach als Großvater und mein oben erwähnter B-Wurf waren leider an Inzuchtverbindungen nicht zu schlagen: 

 

Bianka von Hangenham

Asko aus dem

Köthenwald

 Alf von Almesbach

 Holmes Dart

 Dixi vom Reheck

 Queen vom

 Horner Bruch

 Moanruad Nimbus

 Gillian v. Horner Bruch

Allia von Hangenham

 Alf von Almesbach

 Holmes Dart

 Dixi vom Reheck

 Medea von der Hex

 Moanruad Nimbus 

 Topsy v. Bergstücken

Luck vom Reheck

Moanruad Nimbus

 Moanruad Dan

 Waydown Sandy

 Rahard Belle

 Technical Miss

 Moyle Boy

 Glen Ui Mail Juliet

Asta von Almesbach

 Holmes Dart

 Vinsterens Kim

 Javelin Garonne

 Dixi vom Reheck

 Moanruad Nimbus

 Alpha v. Bildgarten

  

Einen anderen Weg schlug der Zwinger „von Royal“ ein. Er züchtete die Hunde aus dem irischen Zwinger Moanruad als Reinzucht in Deutschland weiter. Dieser Zwinger verfügte durch seine Vielzahl von Hunden über ein großes Zuchtpotential, sodass Inzucht weitgehend umgangen wurde. Aus dem Zwinger Moanruad stammen weltweit die meisten renommierten Leistungschampions, leider lässt der Formwert viel zu wünschen übrig.

Als bekannte Namen wären Dare, Garth und der Ft-Ch Timothy zu nennen. Hier der Stammbaum des Letzteren: 

 

Moanruad Stardust

Moanruad Game

Chess Of Maytown

 
 

Moanruad Sprite

 
 

Knockmore Red Molly

Red Revolution Of Fallows

 
 

Slievebawn Minnie

 
 

Moanruad Of Connor

Innistona Gift

Moanruad Wag

 
 

Rath Rich Cindy

 
 

Tania Of Conway

Cloughmills Boy

 
 

Latton Red Heather

 
 

 

Auch der Zwinger „von der Bismarckhöhe“ setzte auf reine Moanruad-Vorfahren.

Durchdacht flossen diese irischen Linien in die „Lindenbaum“-Zucht oder bei „Westmünsterland“ ,bei letzterem mit einem stärkeren Moanruad Anteil, ein.

Als positives Beispiel dient hier der „M“-Wurf von „Lindenbaum“:

 Bodo von Usenborn

Grinzing vom Gebirgsjägerhof

 Gilko von Oelken

 Björn v. Eisenhammer

 Kolibri v.Bergstücken

 Belinda vom

 Gebirgsjägerhof

 Artus v.d. Filder

 Cora v. d. Südwand

Christel vom Lindenbaum

 Yssel vom Rodalbtal

 Goldwyn’s Kilmar

 Bella v. d. Maxklause

 Alma vom Rebland

 Blitz v. Teufelssee

 Alfa vom Rheinblick

Iris vom Lindenbaum

Arno vom Westerberg

 Holmes Dart

 Vinsterens Kim

 Javelin Garonne

 Asta vom

 Sonnentempel 

 Moanruad Nimbus

 Cilli v.Bildgarten

Baquila von der Bismarckhöhe

 Alf von Almesbach

 Holmes Dart

 Dixi vom Reheck

 Ester vom

 Lindenbaum

 Amor v. Lindenbaum

 Alma vom Rebland

 

 Eine leistungsmäßig starke Erscheinung stellt heute der Rüde „Lohmann’s Dietze“, eine Mischung aus Usenborn und einer dänischen Leistungslinie, dar. 

Während der Leistungszucht im ISCD die übertrieben engen Verpaarungen der 70er-Jahre in jüngerer Zeit weitgehend erspart blieben, haben einzelne französische Zwinger in der Suche nach dem Topp-Field Trial Champion die engen Verpaarungen gnadenlos weitergeführt. Viele große französische Leistungshunde gehen auf Yvette und Zulu von Royal zurück, ergänzt durch alte französische Linien oder Importe aus Irland wie z.B. Sheantullagh Rampant, ein Moanruad - Ableger. Ein aktueller Wurf weist die Verbindung Yvette x Rampant drei Mal in der ersten und zweiten Generation auf. Diese Züchtungen erinnern mich an die oben erwähnten Anfänge der Leistungezucht mit hohem Inzuchtkoeffizient.

 

Einer Inzuchtdepression kann man entgegenwirken durch das einfachste, älteste, aber immer noch aussagekräftige Handwerkszeug der Genetiker – die Stammbaumanalyse.

 

 

C: STAMMBAUMANALYSE

 

 

Stammbaumanalyse bedeutet, Stammbäume richtig zu lesen und zu interpretieren.

Sie fragen sich als Züchter bestimmt, was das alles soll, da der Stammbaum Ihrer Hunde in den ersten vier Generationen zahlreiche fremde Namen beinhaltet. Aber gerade hier beginnt das Verhängnis.

 Machen Sie sich die Mühe und nutzen Sie im Internet die von Lena Argard aus Schweden zusammengestellte Sammlung von Irish Setter Stammbäumen (Irish Red Setter Pedigree Collection -  http://setters.applegrove.net/). Diese Website ist „die Stunde der Wahrheit“. Durchforsten Sie die 6., 7. und 8. Generation Ihrer Hunde und Sie werden auf bekannte Zuchtlinien stoßen, obwohl Ihnen der Zwingername eines Hundes in Ihrem Stammbaum fremd erschien.

Lassen Sie sich nicht von selbst ernannten „Setterpäpsten“ zu einer Verbindung überreden. Entscheiden Sie eigenständig anhand des Stammbaums.

Zur Erbfehleranalyse verfügen wir im ISCD seit Jahren über ein gut durchstrukturiertes Erbfehlerprogramm, das über den Hauptzuchtwart abgefragt werden kann.

Treffen Sie Ihre Entscheidungen nicht nur nach Titeln sondern nach genetischen Kriterien. Grundlage der Überlegung sollte sein, der eigenen Linie immer wieder fremde Komponenten hinzuzufügen.

Reine Fremdpaarungen mit genetisch völlig unterschiedlichem Erbmaterial sind bei Züchtern nicht besonders beliebt – und das mit Recht. Polygene Erbgänge, sowohl additiv als auch komplementär, liefern unter Umständen Ergänzungsstücke zur Ausprägung eines Erbfehlers. Ist eine Fremdpaarung jedoch gelungen und fehlerfrei, stellt ein derartiger Wurf eine enorme Erweiterung des Genpools der Zucht dar, auf den man bei kommenden Verpaarungen wieder zurückgreifen sollte.

 

Vorrangiges Ziel unserer Zucht  muss sein, einen gesunden  und wesenstypischen Irish Setter zu erhalten.  

 

R i c h a r d   D i d i c h e r

 

P.S.: In Anbetracht der umfangreichen Thematik erhebt dieser Artikel nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, Ergänzungen sind deshalb willkommen.

Über die Geschichte der Zucht aus den Neuen Bundesländern fehlen mir die Kenntnisse und Stammbaumunterlagen.

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